Bewegen auf die Art und Weise die für uns Menschen vorgesehen ist. Was bedeutet das eigentlich. Ein Blick weit zurück in unsere evolutionäre Geschichte hilft. Wir sind vor langer Zeit in Tansania von den Bäumen gestiegen, um aufrecht durchs Leben zu gehen. Als ersten Punkt bedeutet das doch schon einmal, Klettern, Hangeln, sich hochziehen, runterlassen, gut festhalten scheint zu unserem evolutionären Erbe zu gehören.

Als Hominiden und dann auch als homo sapiens sind wir gerannt, gelaufen, geschlichen, gegangen. Wir haben gehockt, gekauert, gekniet, gekrabbelt, gerobbt, gesessen und gelegen in vielfältigsten Variationen. Und alles barfuß.

Schauen wir uns die letzten verbliebenen ursprünglich lebenden Völker an können wir erleben auf welche Art und Weise diese Menschen sich bewegen.

Wir kommen auf die Welt und entwickeln und entdecken nach und nach unsere Bewegungsfähigkeiten. (In uns verankert ist Entdeckertum und Neugierde, denn sonst würde sich kein Kind entwickeln können und wäre es nicht wunderbar uns selbst bis ins hohe Alter immer wieder in neuen Bewegungen wiederzuentdecken, zu forschen und zu experimentieren was alles möglich sein kann?)

Kindern können wir dabei wunderbar zuschauen. Sie haben unter normalen Umständen eine ihnen innewohnende Bewegungsfreude, sie experimentieren mit ihren Bewegungsfähigkeiten und bewegen sich einfach drauf los. Sie hüpfen ohne ersichtlichen Grund, beginnen zu tanzen oder zu rennen. Zuletzt sah ich ein Schulkind an der Hand ihrer Mutter und sie hüpfte neben ihr her mit und trotz des Schulranzens den sie trug…um dann die nächsten Stunden möglichst ruhig auf einem Stuhl zu sitzen.

In uns wohnt also ursprünglich eine Lust am Bewegen, ganz ohne einen sofort sichtbaren Nutzen, außer dass es uns in diesem Moment Freude bereitet.

Ab dem Schulalter werden wir dazu erzogen und genötigt ruhig zu sitzen, den Bewegungsdrang zu unterdrücken. Das bekommen wir leider gut hin, denn so nimmt nach und nach die Bewegungslust ab ( hier kann ich noch ausführen was eigentlich in unserem Körper passiert wenn wir aufhören uns zu bewegen, denn irgendwann sagt uns unser Immunsystem es ist auch besser sich nicht zu bewegen. Diese Veränderungen sind so drastisch und weitreichend, das wir uns das kaum vorstellen können).

Wir kommen mit einer ausgeklügelten Anatomie und Biomechanik auf die Welt, denn diese hat sich im Laufe der Millionen Jahre entwickelt und bewährt, sonst wären wir nämlich nicht hier sondern ausgestorben. Und wie alles in unserem Leben wollen auch diese Fähigkeiten ge- und benutzt werden.

Wenn ich die Balkontür eine Weile nicht öffne, setzten sich Spinnweben und Dreck überall in die Ritzen, irgendwann kommt Rost dazu und die Tür geht schwerer oder gar nicht mehr auf.

Musikinstrumentenbauer werden immer sagen ein Instrument muss gespielt werden, vom Rumliegen wird es schlechter…dann verkauf es besser. Nun sind dies alles Objekte und keine Lebewesen wie wir, doch gerade bei uns gilt es.

“Use it or loose it.”

Schauen wir in die Tierwelt können wir wunderbar beobachten, wie sich eine Katze die gemütlich am Kachelofen gelegen hat erstmal ausgiebig rekelt und streckt, bevor sie sich dann auf die nächste Mäusejagd begibt.

Doch zurück zu uns Menschen. Wir kommen mit perfekten Füßen auf die Welt und werden, spätestens wenn wir die ersten Schritte tun, in Schuhe gesteckt. Wer sich Babyfüße genau anschaut wird sehen, dass sie mit der Schuhform die üblicherweise getragen wird rein gar nichts zu tun hat. So beginnt die Veränderung damit, dass unser kompletter natürlicher Bewegungsablauf von klein auf auf den Kopf gestellt wird, da wir in herkömmlichen Schuhen in andere Bewegungmuster gezwungen werden. Wir müssen nur ausprobieren die Bewegungen die wir mit Schuhen machen mal barfuß auszuführen. Traben Sie einmal ohne Schuhe und setzen die Ferse zuerst auf, eine spannende Erfahrung.

All das was als Bewegungspotential in uns liegt nutzen wir nur zu Bruchteilen. Statt dessen müssen wir uns mit zunehmenden körperlichen Beschwerden, Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Instabilitäten, „Verschleiß“ und ähnlichen Dingen auseinandersetzen. Und in vielen Köpfen glaube ich stellt sich die Frage :“Gibt’s da nichts von Ratiopharm?“ Wir wollen die vermeintlich schnelle und unkomplizierte Lösung und zahlen den Preis dafür, in mehrfacher Hinsicht. Und in weiten Teilen unterstützt die Medizin genau das.

Da wir noch nicht so weit sind dass wir immateriell durchs Leben schweben sind wir auf unseren Körper angewiesen. Doch wie oft höre ich schimpfen auf den eigenen Körper, ein lästig sein und dass er nicht pariert. Leider kümmern wir uns überhaupt nicht mehr um unseren Körper, wir setzen ihn nicht mehr artgerecht ein und da unser genetischer, anatomischer und biomechanischer Bauplan noch von damals stammt kommt es natürlich zu Schwierigkeiten.

Aber was müssen wir denn nun tun?

Unser Alltag darf wieder durchzogen sein von vielfältiger Bewegung, mal anstrengend und mal weniger, mal schwer mal leicht, mal bin ich schnell und mal langsam.  Ich stehe, sitze, hocke, kniee, strecke mich und mache mich klein und verwringe mich. Erst dann kann es uns wieder gelingen ein gesundes und liebevolles Verhältnis zu unserem Körper zu entwickeln. Wir werden wieder in der Lage sein unseren Körper auf eine Art und Weise zu spüren die uns gut tut.

Wer von uns nimmt denn seinen Körper noch bewusst wahr? Wir bemerken erst und lediglich wenn etwas nicht in Ordnung ist und das auch erst wenn der Körper schon schreit und in Form von Schmerzen überdeutliche Zeichen produziert. Unser Körper schickt uns die ganze Zeit Signale und Informationen und wir können wieder lernen diese zu hören und zu spüren. Dann werden wir auch wieder in der Lage sein alle positiven Meldungen des Körpers zu verstehen und die Warnsignale früher zu bemerken und entsprechend zu handeln.

Unsere Entwicklung hat dazu geführt, dass wir uns immer weniger bewegen müssen. Die meisten Jobs sind damit verbunden 8 Stunden oder mehr am Schreibtisch zu sitzen.  Und meist fahren wir sitzend zu unseren Arbeitsplatz. Um an Essen zu kommen müssen wir uns auch nicht mehr bewegen und um etwas zu erleben können wir uns vor den Fernseher setzen.

Das viele von uns die Lust und Freude am Bewegen völlig eingebüßt haben hat sicher vielfältige Gründe, von denen ich einige noch aufschlüsseln werde.

Bewusst schreibe ich von Bewegung und nicht von Sport. Unsere Vorfahren haben nämlich auch keinen Sport im heutigen Sinne betrieben. Früher diente Bewegung immer einem Zweck, sehr häufig natürlich der Nahrungsbeschaffung. Bewegung gehört zu unserem Leben dazu, Sport nicht ursächlich. Und wunderbar wenn Menschen heute Lust haben Sport zu treiben. Allerdings können wir uns davon verabschieden, dass 2 Stunden Fitnessstudio am Abend unseren bewegungsarmen Alltag ausgleichen können, das funktioniert nicht. Wieviel Sport ich auch ausübe, Bewegung gehört in unseren Tagesablauf. Zusätzlich geht es den meisten so, dass zwar eine Sportart oder das Fitnessstudio auf dem Plan steht, aber das zugehörige Programm an Elastizitäts- und Geschmeidigkeitstraining, viele würden es mit Gymnastik betitulieren, erfreut sich geringer Beliebtheit.

Wenn ich sage dass Bewegung uns nähren kann mag das für manche befremdlich klingen. Sich nähren oder ernähren können wir auf vielfältige Weise. Natürlich ist ein ganz wesentlicher Bereich was wir essen und auch wie wir essen. Begegnungen mit Menschen können wir als nährend empfinden, Zeit mit sich selbst kann nährend sein, der Spaziergang mit dem Hund ebenso. Etwas Neues zu lernen kann nährend sein (Futter für´s Gehirn). Und spätestens jetzt wird deutlich, dass der Körper (was und wie wir essen, wie wir uns bewegen), Gefühl (nährende Begegnungen) und Verstand (etwas Neues lernen) untrennbar miteinander verbunden sind. Erst in dieser wechselseitigen Verbundenheit können wir uns rundum wohl und stimmig fühlen. Das werden wir in unserem Körperausdruck ausstrahlen. Und ist im Grunde nicht genau das etwas was wir alle gerne ausstrahlen wollen? Dass es uns richtig gut geht, wir uns stark und stimmig, ausgeglichen und leistungsfähig fühlen?

Spannende sozialpsychologische Experimente zeigen, dass unsere Körperhaltungen unser Gefühl, unsere Emotionen beeinflussen und zwar in alle Richtungen. Wir können also über unseren Körper großen Einfluss nehmen auf unsere Emotionen. Dazu benötigen wir nur wieder einen Zugang zu unserem Körper und unserem Bewegen. Um wieder wahrzunehmen was äußere Bewegung in uns bewegt benötigen wir Zeit und Momente der Ruhe, ohne Ablenkung von Fernseher, Smartphone oder Musik. Und es wird sicher einige geben die antworten würden, dafür habe ich einfach keine Zeit. Nun ist es so, dass wenn wir uns für unsere Gesundheit keine Zeit nehmen, für unsere Krankheit ganz sicher Zeit nehmen müssen. Und nur zu Beginn mag es uns so vorkommen, dass es uns viel Zeit „kostet“. Haben wir aber erst einmal einen Zugang zu uns und unserem Körper wiedergefunden, haben wir ein Gefühl dafür gewonnen was uns guttut, was wir gerade brauchen oder auch gerade nicht gut tut, wird die gefühlte Zeit geringer werden die wir investieren, es wird leichter fallen und da irgendwann fest gespeichert ist wie bereichernd Bewegung ist, welche positiven Aspekte wir fühlen können, können wir an den Punkt gelangen an dem wir nicht mehr auf unser bewegtes Leben verzichten mögen, besonders wenn es womöglich auch noch beschwerdefrei ist.

Vermutlich werden wir uns langsam an ein bewegtes Leben herantasten müssen, denn unser Körper benötigt Zeit, um zurückzufinden zu seiner Geschmeidigkeit. Und wir tun gut daran uns dabei liebevoll zu begegnen, denn wie soll unser Körper in der Lage sein, ganz flott das wieder zu leisten was er über meist Jahre oder Jahrzehnte nicht getan hat. Wichtig ist es sich immer bewusst zu sein, die kleinste Veränderung macht den größten Unterschied. Und wir haben einen so viel größeren Einfluss als wir glauben und uns viele Teile der Medizin noch glauben lassen wollen. Veränderungen unseres Bewegungsapparates sind nicht schicksalhaft unveränderlich. Es gilt das Zepter wieder selbst in die Hand zu nehmen und damit auch die Verantwortung wieder in die eigenen Hände zu legen.