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Lebensfreude kennt keine Altersbeschränkung
Lebensfreude bis ins hohe Alter
Vor kurzer Zeit besuchte ich eine liebe Tante im Altenheim, oder in der Seniorenresidenz wie man es heute nennt. Klingt doch ein wenig weniger abgeschoben. Ich mochte sie als Kind schon immer sehr gut leiden, weil sie immer so lustig war und auch sehr viel Verständnis für meine kleineren (und weniger kleinen) Streiche hatte.
Altenheim! So ziemlich die letzte Station eines Menschen nach einem Leben voller Energie, Leistung und Lebensfreude? Dass Menschen nicht bis an ihr Lebensende volle Leistung erbringen müssen, das kann ich gut verstehen. Was mich aber wirklich wunderte, war die Beobachtung, dass bei vielen Bewohnern des Hauses die Lebensfreude so richtig sprühte.
Als ich an der Rezeption nach dem Appartement meiner Tante fragte, gab man mir zwar die Zimmernummer, aber die freundliche Dame fügte hinzu: „Dort werden Sie sie aber kaum finden. Wahrscheinlich wirbelt sie irgendwo im Haus herum. Vielleicht sehen Sie einmal in der Sporthalle nach, denn da läuft gerade die Frühgymnastik.“ Es war ein guter Tipp.
"Ausgewachsene" Lebensfreude
Schon außerhalb des Gymnastikraums hörte ich ziemlich flotte Musik und als ich einen Blick durch die Glastür warf, tanzten etwa zwölf Frauen und vier Männer fröhlich herum. Aerobic im Altenheim, pardon, in der Seniorenresidenz! Und meine Tante mitten drin. Das sollte aber nicht die letzte Überraschung dieses Tages sein.
Ich hatte mich zwar schon zu diesem Besuch angemeldet, aber dennoch brauchte sie nach unserer Begrüßung noch fast eine Viertelstunde, um sich bei diversen Kursen und Aktionen abzumelden. Doch auf die Theaterprobe vor dem Mittagessen konnte sie nicht verzichten, weil sie in diesem Stück die Hauptdarstellerin war. Der Titel des selbst inszenierten Stücks: Lebensfreude. Und allein die Probe, der ich als Gast beiwohnen durfte, machte dem Titel des Musicals alle Ehre.
Kein Aufguss eines klassischen Einakters, nein, eine selbst ausgedachte Geschichte, begleitet von Musik der modernsten Art. Es fehlte nur noch, dass einer der älteren Herren zum Rapper mutierte.
Lebensfreude hält jung - auch im Alter!
Für den Nachmittag hatte ich mir einen kleinen Spaziergang ausgedacht. Aber daraus wurde nichts. „Auf Enten füttern habe ich keine Lust“, protestierte meine Tante. „Shopping ist angesagt!“ Wir gingen zu meinem Kleinwagen und ich wollte ihr beim Einsteigen helfen. Fast beleidigt fuhr mich die 84-Jährige an: „Das kann ich selbst!“
Der Einkaufstag war eine Fortsetzung der Überraschungen. Die Einkaufsliste war zwar nicht lang, aber bot doch einige Überraschungen. Im Sportgeschäft erstand sie einen neuen Gymnastikanzug. Nein, nicht in schlichtem Schwarz, farbig musste er sein. „Schließlich soll man doch sehen, dass Gymnastik mir richtig Spaß macht. Schwarz ist etwas für alte Leute.“
Und weil sie gerade dabei war, suchte sie sich auch noch passende Sportschuhe dazu aus. Die nächste Station war, richtig geraten, ein Schuhgeschäft. „Wir haben nächste Woche einen Tanzabend und zu meinem roten Kleid fehlen mir noch die passenden Schuhe.“
Die Verkäuferin schien, angesichts des Alters meiner Tante, mit der Farbe Schwierigkeiten zu haben. Doch letztlich griff sie zu einem Paar, das sie offenbar Frauen verkaufen wollte, die auch einen etwas höheren Absatz tragen können. „Weißt du“, raunte meine Tante mir zu, „aus dem Alter für Stilettos bin ich ja schon raus, aber etwas Absatz ist doch viel eleganter, nicht wahr?“
Nach einigen kleineren Einkäufen meinte sie dann, wir sollten nun doch noch zusammen einen Kaffee trinken. In einem absoluten „In-Café“ schien sie Stammgast zu sein, denn sie wurde sehr herzlich empfangen. „Für mich bitte einen Cappuccino“, bestellte ich, „und wozu darf ich dich einladen?“ „Wie immer“, nickte sie der Bedienung zu. Was ist „Wie immer?“ fragte ich mich.
Kurz darauf wusste ich es: Ein Glas Sekt und dazu einen doppelten Espresso und eine Flasche Wasser. „Ja“, meinte meine Tante, das belebt und ist für mich immer auch ein Stück Lebensfreude.“
Für mehr Lebensfreude: Raus aus dem Schubladendenken!
Und dann begann sie zu erzählen. Sie mochte es nicht, in die Schublade „Alte“ geschoben zu werden. Ja, sie sei zwar schon 84 Jahre alt, aber das stünde doch nur im Personalausweis. Sie selbst fühlte sich viel jünger und voller Lebensfreude. Nachdem mein Onkel gestorben war, wurde es ihr zuhause zu langweilig. Sie wollte ihre Lebensfreude mit anderen Menschen teilen und deshalb habe sie sich entschieden, in ein Seniorenheim umzuziehen.
Überhaupt sei Lebensfreude für sie sehr wichtig. In jüngeren Jahren habe es doch vieles gegeben, das ihr Schwierigkeiten bereitet habe und sie daran gehindert habe, die Freude am Leben richtig zu genießen.
Nachdem die Arbeit nun weggefallen sei, wäre nur noch die Lebensfreude übrig geblieben. „Und diese werde ich mir bewahren – bis zu meinem letzten Atemzug.“ Es wurden noch mehrere Tassen Cappuccino und noch einige Gläschen Sekt. „So jung kommen wir nie wieder zusammen. Deinen Besuch zu feiern, gehört für mich auch zur Lebensfreude!“
Nachdem ich meine Tante wieder in ihre „Residenz“ gebracht hatte, rief sie mir nach dem Abschied noch zu: „Und im Übrigen solltest du dir einen schicken kleinen Sportwagen kaufen. Ich wollte schon immer einmal in einem Sportwagen mitfahren!“
Ich sah ihr noch nach, wie sie mit erstaunlich beschwingten Schritten (vielleicht waren die „Gläschen“ die Ursache) in ihre „Residenz der Lebensfreude“ zurückkehrte.
Mich hat diese Begegnung zutiefst beeindruckt. Ich empfand diesen Besuch so, als hätte ich an einer Tankstelle der Marke „Lebensfreude“ meinen inneren Tank randvoll gefüllt.
Und das Alter fürchte ich nun auch nicht mehr.
Lebensfreude360 28.05.2010, 10.54
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Kommentare zu diesem Beitrag
"Lebensfreude stärkt unsere Stärken und schwächt unsere Schwächen."
Ernst Ferstl
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Tröstlich zu wissen, dass man auch im hohen Alter noch Spass am Leben haben kann... Danke für diesen Beitrag!
vom 31.05.2010, 13.36